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ChatGPT – eine Revolution des Corporate Learning?

Personalentwicklung

<strong>ChatGPT – eine Revolution des Corporate Learning?</strong>

Der Hype um die Künstliche Intelligenz (KI-AI) hat seit dem 30. November 2022 ein gewaltige Dynamik entwickelt, da dieses offen zugängliche Sprachsynthese-System Texte, aber auch Einschätzungen von Lösungen, von erstaunlicher Qualität schaffen kann. Die Abkürzung „GPT“ steht dabei für „Generative Pre-training Transformer“, da der Chatbot die menschenähnliche Kommunikation durch unzählige Erkundungen im Internet und das Auswerten von zahlreichen Texten erlangt hat. Laut US-Medienmeldungen will Microsoft weitere 10 Mrd. US-$ investieren und die Sprachsoftware nicht nur in Office 365 integrieren, sondern auch in die Suchmaschine Bing und in diverse weitere Software-Lösungen. Eine kostenpflichtige Premiumversion soll in Kürze folgen.

Der Chatbot ChatGPT kann Texte übersetzen, Ausarbeitungen bewerten und Drehbücher, Bewerbungen, E-Mails, ganze Aufsätze oder Computercodes schreiben. Die bisherige Debatte fokussiert dabei sehr stark auf Anwendungen im Bereich der Schulen und Hochschulen, der Justiz, der Medizin, des Journalismus, der Forschung und der Software-Entwicklung oder beleuchtet deren Grenzen, z. B. die Oberflächlichkeit von Lösungen und die Gefahr rassistischer oder frauenfeindlicher Aussagen. Intensiv diskutiert werden auch die Folgen für rein deskriptive und synthetisierende, auf vorhandene Literaturquellen bezogene Arbeiten, die ihre heutige Bedeutung verlieren werden.[1] Gabi Reinmann stellt zu Recht die Frage, ob wir deshalb einen Kulturwandel, eine neue Haltung, eine stabile Wertebasis brauchen?[2] Die Frage, die wir uns stellen, ist, ob mit ChatGPT, aber auch mit weiteren Lösungen wie z. B.  https://renaissancerachel.com, https://midjourney.com oder https://www.jasper.ai, die Vision des Lernbegleiters Computer, also eines Humancomputers mit Künstlicher Intelligenz, Realität wird, die John Erpenbeck und ich bereits vor zehn Jahren 2013[3] prognostiziert hatten. Diese sollen Werte- und Kompetenzentwicklung im Netz mit Computer Co-Coaching ermöglichen. Sie übernehmen die Rolle eines Coaches, sind nicht mehr nur technischer Gehilfe, Gerät, Instrument, sondern Entwicklungspartner im eigentlichen Werte- und Kompetenzentwicklungsprozess. Corporate Learning wird nach dieser Prognose mithilfe des Partners Computer damit auf einem bisher nicht möglichen Niveau optimiert werden.

Was ChatGPT leisten kann, wird aus folgendem Dialog mit dieser Software deutlich.

Der Bot ChatGPT weist ohne Zweifel ein hohes Potential für die Optimierung von Lernprozessen im Corporate Learning auf, vor allem im Bereich der Lernunterstützung. Voraussetzung dafür ist, dass die Erwartungen realistisch bleiben. Die Texte, die mit der Software entwickelt werden, können, nach allem was wir wissen, auf keinen Fall als Endprodukt einer kreativen Phase angesehen werden. 

ChatGPT kann das personalisierte, selbstorganisierte Lernen auf eine höhere Stufe bringen, da die Software den Lernenden gezielt das Wissen transportiert und die Lösungen vorschlägt, die ihren individuellen Bedürfnissen entsprechen. Wir können uns dabei  gut vorstellen, dass ChatGPT tatsächlich die Rolle eines persönlichen Lernbegleiters übernimmt. Dieser kann gezielt die individuellen Wissenslücken und Verständnisprobleme identifizieren, personalisierte Entwicklungsziele und -vorschläge entwickeln sowie  Rückmeldung geben. Fehlerhafte Lösungen, z. B. für Praxis- und Projektaufgaben, werden nicht pauschal zurückgewiesen. Vielmehr erhält der Mitarbeitende eine individuelle Rückmeldung, die sich konkret auf seine Problemstellung und seine möglichen Fehler bezieht. Dies gilt insbesondere, wenn die Vorhersagen über die weitere Entwicklung der Leistungsfähigkeit von ChatGPT zutreffen, so dass die Anwendungsfelder immer komplexer werden können.

ChatGPT kann keine Verantwortung für die Lernprozesse der einzelnen Mitarbeitenden übernehmen, diese bleibt immer beim Lernenden, bis zur Haftung, z.B. bei fehlenden Quelleangaben. Werden die Texte nicht sorgfältig auf mögliche Plagiate geprüft, können neben der Frage der ethischen Verantwortung auch Unterlassungs- und Schadensersatzforderungen bis hin zu Strafen die Folge sein.

Die Lernenden müssen sich deshalb bewußt sein, dass sie sich nicht blind und unkritisch auf die Leistungsfähigkeit der Software verlassen dürfen. Sie müssen vielmehr ihre Werte und ihre Kompetenzen gezielt entwickeln, um mit den Ergebnissen, die ChatGPT liefert, verantwortungsbewußt und kritisch umgehen zu können. Die Gestalter*innen von Lernarrangements übernehmen damit eine wichtige Verantwortung, um sicher zu stellen, dass dieser Bot sinnvoll und  verantwortungsbewußt genutzt wird. Nur dann wird tatsächlich ein Mehrwert für das Corporate Learning entstehen. Insbesondere die Lernbegleitenden müssen, neben den Mitarbeitenden, in der Lage sein, zu prüfen, ob die Ergebnisse der Software stimmig und vollständig, ob diskriminierende Passagen enthalten sind, ob Quellen korrekt angegeben und die Sprache verständlich ist.

Die Konsequenzen für die Einschätzung von Lernleistungen im Corporate Learning sind beträchtlich. Die Bedeutung von schriftlichen Arbeiten, die bewertet werden, wird deutlich zurückgehen. Dafür werden die Präsentation und die Diskussion von entwickelten Lösungen, z. B. in Praxisprojekten, an Bedeutung gewinnen. Das Auswendiglernen und Reproduzieren von Inhalten wird damit noch unsinniger, Verständnis und vor allem der Praxistransfer rücken immer mehr in den Vordergrund. Damit passt ChatGPT sehr gut zu unserem werte- und kompetenzorientierten Ansatz.

Der Veränderungsdruck auf das Corporate Learning verstärkt sich damit weiter. Ob wir wollen oder nicht, ChatGPT und weitere Tools, die sicher folgen werden, werden in der Arbeitswelt voraussichtlich breit genutzt werden. Folglich müssen diese Bots auch in unsere Lernarrangements integriert werden, da Corporate Learning in erster Linie die Aufgabe hat, die Mitarbeitenden auf die heutige und zukünftige Arbeitswelt vorzubereiten.

Wir sehen für diese KI-Lösungen vor allem folgende Einsatzmöglichkeiten in unseren Lernarrangements:

  • Individuelles Reporting zu Werte- und Kompetenzerfassungen von Teams und Mitarbeitenden
  • Empfehlungen für individuelle und teambezogene Werte- und Kompetenzziele
  • Adaptive Lernempfehlungen für personalisierte Entwicklungsprozesse
  • Beantwortung, auch komplexer Fragen
  • Kuratierung von Wissen on-demand
  • Feedback zu Lösungen, die von den Lernenden entwickelt wurden
  • Entwicklung von Simulationen
  • Assistenz bei der Gestaltung von Projekttagebüchern
  • Assistenz bei der Formulierung von Ausarbeitungen, Präsentationen, Case Studies u.ä.
  • Feedback zu Praxis– und Projektergebnissen
  • Erstellung von Weiterbildungsmodulen, Übungen und Tests
  • Übersetzungen

Damit wird ChatGPT zu einer Beschleunigung folgender Trends im Corporate Learning beitragen:

  • Werte und Kompetenzen, Kreativität und Selbstorganisation bilden die Lernziele,
  • Praxis und Projekte mit Coaching werden zu zentralen Lernorten,
  • die gezielte Entwicklung der Werte und Kompetenzen der Mitarbeitenden erfolgt vor allem beim Bewältigen von Herausforderungen in der Praxis und in Projekten, mit Hilfe menschlicher Lernpartner*innen und ihres Lernpartners Computer,  
  • Wissen und Qualifikation wird – auf Grundlage einer Basisqualifikation – mit Hilfe von Kuratierungssystemen on demand selbstorganisiert über die LXP aufgebaut,
  • an die Stelle traditioneller Lernräume und Lernumgebungen treten Entwicklungs- und Coaching-Umgebungen in Learning Experience Plattformen.

Wir sehen deshalb ChatGPT nicht als eine Revolution des Corporate Learning. Vielmehr verstärkt dieser Bot die aktuellen Entwicklungen, an denen viele Verantwortliche in den Unternehmen seit Jahren arbeiten. Unternehmen, die bisher in tradierten Lernkonzepten verharren, bekommen Impulse, um ihre Corporate Learning zu überdenken. Damit kann das Corporate Learning mit ChatGPT einen neuen, innovativen Schub erhalten.


[1] vgl. z.B. Weßels, D. (2022): ChatGPT – ein Meilenstein der KI-Entwicklung, abgerufen unter

https://www.forschung-und-lehre.de/lehre/chatgpt-ein-meilenstein-der-ki-entwicklung-5271 am 14. 01. 2023

[2] Reinmann, G. (2023): ChatGPT – Wettrüsten oder Wertewandel, abgerufen unter https://gabi-reinmann.de/?p=7534 am 14. 01. 2023

[3] Erpenbeck, J. , Sauter, W. (2013): So werden wir lernen! Kompetenzentwicklung in einer Welt fühlender Computer, kluger Wolken und sinnsuchender Netze, Springer Berlin, Heidelberg